A. Problemstellung
Wenn man Übersetzungen spiritueller Texte, insbesondere von Texten aus anderen Kulturkreisen und anders strukturierten Sprachen liest, hofft man natürlich, daß der Übersetzer alles adäquat übersetzt habe.
Tatsächlich erscheint es aber geraten, immer auch in den Originaltext und in die Originalsprache zu schauen, um die volle und korrekte Bedeutung eines Begriffes zu überprüfen – jedenfalls, seien wir realistisch, dann, wenn es sich um zentrale Begriffe für das handelt, was man erreichen oder untersuchen möchte.
B. Wie ich darauf kam
Ich habe mich wieder vermehrt mit Taoismus und innerer Alchemie befaßt. Dabei stieß ich auf den Begriff „識神“ (Kurzzeichen: 识神, Pinyin; shi shen). Nathan Brine hat in seinem Werk (sein Meister Wang Liping ist als Co-Autor genannt) „The Taoist Alchemy of Wang Liping: Volume One“, Dragon Gate Press., in der Kindle-Version auf S. 50 darauf aufmerksam gemacht, daß dieser Begriff in der inneren Alchemie eine besondere Bedeutung habe. Ich recherchierte und kam auf ganz verschiedene weitere Bedeutungen, die sich danach richten, ob das Wort in buddhistischem Kontext, generell-taoistischem Kontext, in der inneren Alchemie oder der chinesischen Medizin verwendet wird. Und auf Japanisch bedeutet das Wort dann noch einmal etwas anderes, und zwar auch wiederum ganz Verschiedenes.
Zugleich können Worte, können Buchstaben in esoterisch-spiritueller Sicht auch bestimmte Wirkungen haben. Im Kaschmirischen Shivaismus etwa könnten wir in diesem Kontext vielleicht den Begriff „Matrika Shakti“ (Mātṛkā Śakti, Sanskrit: मातृका शक्ति), die natürlich, richtig verstanden, sich hier „nur“ in einer ganz äußeren Form zeigt, während sie eigentlich ja Paramāśakti, mithin Paramāśiva (1) und also das [nicht im materialistisch-intellektuellen Sinne verstandene] reine Bewußtsein („Consciousness“) selbst ist, wenn ich das richtig verstanden habe, anführen.
Inwieweit dies Auswirkungen auf den Übersetzungsprozeß oder die Übersetzungen selber bzw. die Rezeption beim Leser hat, habe ich an anderer Stelle und gerade nicht allgemein zugänglich untersucht.
C. Das Definitions-/Verständnisproblem existiert auch in der Muttersprache.
Wenn wir zunächst noch einmal zurück zur Ebene der Definitionen gehen, so sehen wir, daß das kein Problem ist, das sich auf Sprachen beschränkt, die ganz anders als die eigene sind. Selbst in demselben Sprach- und Kulturkreis verstehen Menschen unter Begriffen wie „Gott“, „Geist“, ja selbst unter „Meister“ und „Erleuchtung“ ganz anders als andere Menschen mit anderer Biographie oder mit anderer Konditionierung – und zwar des öfteren vermutlich ganz ohne sich dieser Unterschiede bewußt zu sein.
Hieraus können nicht nur Mißverständnisse erwachsen, es kann auch dazu führen, daß man in seiner eigenen Bilder- und Bedeutungswelt gefangen bleibt, weil das, was die anderen einem eigentlichen eröffnen könnten, durch die Grenzen, die man der Begriffsbedeutung, wie man sie selbst verwendet, setzt, durch die Beschränkung darauf unbewußt außen vorgehalten wird.
Im Grunde könnte man vielleicht sagen, es handele sich dabei um einen Fall von Projektion: Man projiziert das eigene Begriffsverständnis in das hinein, was der andere sagt. Und dieser tut vielleicht das gleiche – und so diskutieren dann im Grunde gar nicht mehr die Menschen miteinander, sondern sie lassen ihre eigene Idee(nwelt) mit dem diskutieren, was der andere aus Sicht dieser Idee(nwelt) sagt.
Bei Interesse: Ich habe diesen Prozeß auf einer allgemeineren Ebene in den hinteren Teilen meiner Dissertation untersucht.
D. Abhilfe
I. Bei Gesprächen oder Korrespondenz mit anderen
Hier gilt es, wach zu bleiben, gegebenenfalls auch, erst einmal wach zu werden (Dazu gibt es verschiedene spirituelle Wege, auch für sich nicht als spirituell verstehende Menschen könnten vielleicht die Hinweise Eckhart Tolles hilfreich sein).
Auch sich allgemein über geeignete Kommunikationstechniken zu informieren (mir sind öfter Menschen begegnet, die die gewaltfreie Kommunikation nach Marshall B. Rosenberg schätzen, mit der ich mich aber noch nicht näher befaßt habe), könnte vielleicht hilfreich sein
Es ist ratsam, von Anfang an keine konfrontative Haltung sondern eine Haltung der Offenheit und eventuell sogar (das mag aber ein zweischneidiges Schwert sein, vielleicht ein schlechter Rat, wenn man dem Ego keine Kraft geben will?) Neugier einzunehmen. Dann identifiziert man sich nicht mit den eigenen Vorstellungen,einschließlich des eigenen Begriffsverständnisses, kann leichter entdecken, wenn es Hinweise darauf gibt, daß der andere vielleicht etwas ganz oder teilweise anderes mit dem Wort meint, und kann dann vorschlagen, gemeinsam nach den Axiomen für entweder die getätigte Aussage oder zumindest das jeweilige Begriffsverständnis einschließlich (das Begriffsverständnis selbst kann auch noch dadurch gekennzeichnet sein, daß zwei Menschen den Begriffen in einer Definition wiederum ganz verschiedene Bedeutungen zumessen können, einschließlich verschiedener Assoziationen und Konnotationen, die sich aus der jeweiligen Lebenserfahrung oder Geisteswelt ergeben können [und die auch durch eventuelle Standards, Werte und Glaubenssätze beeinflußt werden können]) der jeweiligen Definition zu suchen.
Von dort aus wird man dann für die diskutierte Fragestellung vielleicht wesentlich leichter und noch zu viel besseren Lösungen gelangen.
II. Was Bücher, Artikel und andere Texte betrifft
Auch hier gilt natürlich schon einiges von dem eben zum Austausch mit anderen Gesagten.
Hätte man früher noch zahlreiche Bücher und Websites daraufhin durchgehen müssen, können wir heute Künstliche Intelligenz (oder jedenfalls Sprachmodelle…) nutzen und einfach nach Begriffsbedeutungen fragen. Die Antworten werden nicht immer richtig sein, aber man bekommt eine Überblick (begrenzt durch das Reservoir dessen, was die KI selbst an Informationen hat oder aus den ihr zur Verfügung stehenden Informationen geschlossen hat) und so vielleicht Hinweise, wo man aufpassen oder weiterforschen muß oder möchte.
Natürlich kann man auch selbständig forschen, aber KI kann einem dabei helfen, das schneller oder effizienter zu gestalten und auch Texte in Sprachen nutzen, die man selber vielleicht nicht oder nur unzulänglich spricht.
Beachte jedoch: KI kann sich irren, und sie irrt sich auch oft, vereinfacht, vermischt oder halluziniert. Ich habe hier, wenn auch im Kontext des Sprachenlernens, einiges dazu geschrieben, einschließlich einiger allgemein anwendbarer Warnhinweise.
III. Generell
Ich hatte oben bereits das Thema „Mātṛkā Śakti“ erwähnt, aber die Diskussion hier bisher nicht wieder aufgenommen. Um dennoch auch hier die Lösung zu finden (die zugleich auch die Lösung für Gespräche wie Lektüre generell ist), füge ich hier noch ein Gedicht hinzu, das meine Haltung wiederspiegelt:
Nimm meine Worte nicht – nimm mein Wesen.
Nimm meinen Klang nicht – nimm mein Wort.
Das Herz ist Eins. In ihm genesen,
das brauchst Du nur. An jedem Ort
ist Gottes Wahrheit. Wie ein Segen,
der leuchtet hell am Horizont.
Das Herz ist Eins. Der Segen – Regen
am Herzensgrund. Von (In?) Gottes Wort.
Anmerkungen
(1) Vgl. डॉ. जागीर सिंह: मातृका शक्ति का मानव जीवन पर प्रभाव, in: Malini. मालिनी. Vol. III No. 10, July-September 2010, S. 56 ff. Online hier.
Version 1.1. Bei Bedarf aktualisiere ich den Artikel eventuell.