Begrenzendes, befreiendes und lebendiges Wissen

Als ich unlängst in den Shiva-Sutras in der Übersetzung von Ranji Chaudhri1  über Vidya und das Verständnis im Kaschmirischen Shivaismus las und verstand, wie Vidya (Wissen) die Allbewußtheit (Chaudhri formuliert: „die Allwissenheit des Bewußtseins“) auf begrenztes Wissen reduziert bzw. unseren allwissenden Zustand verdeckend, eine solche Erfahrung bewirkt, wurde es mir irgendwie klarer. Und dann schien alles „darumherum“ lebendiger zu sein (und so auch das Wissen selbst, da nun „eingeordnet“, klargemacht in seiner „Position“ im Ganzen – es konnte nicht mehr begrenzend wirken).

Als ich dann wegging und unterwegs war, wirkte alles lebendiger, selbst auch um die Bäume herum – deren Lebendigkeit man ja auch so schon immer wieder fühlen oder wahrnehmen kann –, wodurch ich es besonders wahrnahm.

[Leider hatte ich das nicht gleich notiert, dann wäre dieser Artikel vielleicht noch klarer/wirksamer, und auch meine im Folgenden angestellten Erwägungen wären es möglicherweise geworden, aber vielleicht kannst Du, lieber Leser, ja dennoch etwas damit anfangen.]

Es ist also durchaus von Bedeutung, zu verstehen, daß es wahres Wissen, All-Bewußtheit und (letztlich freilich nur als Spiel der Maya, eine „Fata Morgana“ und in diesem Sinne Illusion, oder wollen wir sagen: allenfalls als Verweis auf das EINE?) „intellektuelles“, angelerntes Wissen gibt. Dieses ermöglicht es uns, in der „Matrix“2 jener Illusionswelt zu existieren.  Es erinnerte mich ein wenig daran, wie es mir mit Mathematik erging: Ich konnte mit den „Blöcken“, den „Bauklötzchen“ arbeiten und Aufgaben lösen (und erhielt teilweise ausgezeichnete Noten), aber richtig „verstehen“, das tat ich die Lösungen meist nicht. Wenn man aber die Natur von Vidya irgendwie besser versteht, dann beginnt die Lebendigkeit.

Und dann kann intellektuelles Wissen wahrhaft dienen – nicht mehr, um einen Gedanken aufzunehmen, den Eckhart Tolle für das Ego ausgesprochen hat,  der Herrscher auf dem Thron und darum Raum lassend für die Wahrnehmung des Eigentlichen.

Das intellektuelle Wissen wird erst erhellt durch das Lebendige – und dann seinen richtigen Platz einnehmen.

Ob es dann selbst lebendiger wird? Oder ist es die – stets vorhandene, doch oft nicht bewußt bemerkte –  „Hintergrundlebendigkeit“ (die aber nicht nur Hintergrund ist, so glaube ich, sondern alles umfängt und durchdringt, ja alles IST), deren „Licht“ diese Lebendigkeit spendet?
Letztlich gibt es natürlich keine Trennung zwischen bzw. unter dem, was wirklich existiert.

Welches Wissen auch immer zur wirklichen Wahrnehmung dieser Lebendigkeit führt, das würde ich hier  „befreiendes Wissen“ nennen. Begrenzendes Wissen wäre das, was die Wahrnehmung dieser Lebendigkeit verhindert – und das kann im Grunde wohl [fast?] jedwedes ausschließlich intellektuelle Wissen sein. Denn wenn der Fokus auf dem [intellektuellen] Inhalt ist, dann ist die Aufmerksamkeit nicht mehr auf das andere, lebendige gerichtet. Das begrenzende Wissen ist nun zugleich begrenzt.

(Nur der Klarheit halber: Angewandtes Wissen ist noch nicht notwendigerweise lebendiges oder befreiendes Wissen, jedenfalls nicht in höherem Sinne (bei tieferem Verständnis). Wir gestalten zwar durch die Anwendung von Wissen die „äußere Welt“, die Welt der Formen, die Welt von Maya auf der „Ebene“ der Taten dynamischer, aber es befreit doch nicht aus dieser Ebene, aus der Begrenzung der Wahrnehmung auf sie, ob sie nun aus weltlicher Perspektive statischer oder dynamischer erscheint. Aber befreiendes Wissen kann angewandtes Wissen sein, denn indem es befreit, wird es, könnte man sagen, angewandt.)

Bisher begrenzendes Wissen kann aber zu befreiendem Wissen werden bzw. jenes Wissen daß man bisher als begrenzend erfuhr, kann befreiend zu wirken beginnen: Wenn man z. B. über die begrenzende Funktion des Wissens liest und das dann einfach nur zu dem, was man sonst schon weiß, hinzugefügt wird, ohne daß es irgendeine Auswirkung auf die eigene Wahrnehmung oder Nichtwahrnehmung der Wirklichkeit hätte, dann handelt es sich für einen selber vermutlich um begrenzendes Wissen, solange es als rein-intellektuelles Wissen den Fokus von der Wirklichkeit auf die „Fata Morgana“, die Illusion, die Maya zieht. Wenn aber dann plötzlich Erkenntnis eintritt, wie es funktioniert, d. h. wenn man das Prinzip der Begrenzung wirklich zu „sehen“, wirklich zu verstehen beginnt, d. h. die Wahrnehmung die Wolken der Illusion durchdringt oder diese schwinden, dann wirkt dieses Wissen befreiend.

Und wenn ich nun schaue, wie ich die Erfahrung oben beschrieben habe, so scheint mir, daß, wenn Wissen aufhört, begrenzend zu wirken und die Sicht befreiter wird, auch die begrenzende Wirksamkeit anderer Tattvas sich verringert. Dies fiel mir auf, als ich gerade etwas über Niyata las.

Ohne einen Lehrer fragen zu können, fragte ich Gemini (Vorsicht: es kann als Künstliche Intelligenz ja auch im Spirituellen Fehler machen und in die Irre führen, siehe meine Warnhinweise zur Nutzung von KI hier, die zwar in anderem Kontext geschrieben wurden, aber auch hier anwendbar sind.). Es sagte: „Die kurze Antwort lautet: Ja, wenn ein Kañcuka (Hülle) [Anmerkung von mir: „Kañcuka“ bezeichnet die fünf „Elemente“ oder Tattvas, durch die Maya wirkt. Sie verdecken unsere wahre Natur [unser „wahres Wesen“, würde ich sagen], vgl. Chaudhri, a. a. O.] seine begrenzende Wirkung verliert, bricht das gesamte System der Maya in sich zusammen. Wenn Aśuddha-Vidya (begrenztes Wissen) sich wieder in Śuddha-Vidya (reines, unbegrenztes Wissen) verwandelt, fällt zwangsläufig auch Niyata (Kausalität/Raum) und letztlich die trennende Kraft der Maya selbst weg. […] Maya fällt nicht weg, sondern sie wird durchschaut und transformiert.“

Machen wir uns also klar, wie die Begrenzung funktioniert. Dann haben wir einen Schlüssel, das Unbegrenzte, das Freie und Lebendige wahrzunehmen, und können für jene, die es noch nicht sehen, Leitstern sein.

Anmerkungen

(1) Ranjit Chaudri: The Shiva Sutras. Essential Wisdom for Life. New Delhi: FiNGERPRINT! BEL!EF 2019. Kindle Edition.

(2) Hierzu siehe auch den auf diesen Artikel folgenden Post.

Version 1 · September 2026 (achte bei Bedarf auf Veränderungen im Artikel bei wechselnder Versionsnummer)

Veröffentlicht von

A. M.

Autor. Dichter. Coach und Berater. Lehrer. Auch Jurist.

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